Die Muschel am Ohr – rettet Silicon Palantir die Welt?

TECHNOLOGIE & MÖGLICHKEITEN

Die Muschel am Ohr

Palantir will einen neuen Ozean erschaffen. Ich halte lieber die Muschel hin und höre, was schon da ist.

VON MAX THINIUS

„Schaut her“, ruft der Tech-Bro, „wir haben einen neuen Geist erschaffen!“ – „Schaut her“, antworte ich, während ich ihm eine Muschel ans Ohr halte, „ich habe einen neuen Ozean erschaffen.“ So fasste es Max Leibman auf Mastodon zusammen. Treffender hätte er es nicht formulieren können.

Zwei Meldungen haben mich dieser Tage beschäftigt. Die eine kommt aus dem Silicon Valley: Palantir hat ein 22-Punkte-Manifest veröffentlicht, in dem das Unternehmen unter anderem die Wiedereinführung der Wehrpflicht fordert. Die andere aus Deutschland: 65 Prozent der deutschen Industrieunternehmen setzen KI bereits in laufenden Prozessen ein – mehr als der weltweite Durchschnitt.

Beide Meldungen werden als Zukunftsnachrichten verkauft. Beide erzählen in Wirklichkeit von der Vergangenheit.

„Wir wissen seit 240 vor Christus, dass die Erde eine Kugel ist. Für die meisten Menschen hat es noch mal 1.700 Jahre gedauert. Ich frage mich, was wir heute bereits wissen – und noch nicht leben.“

Das Manifest der Angst

Palantir schreibt: „Silicon Valley schuldet dem Land, das seinen Aufstieg ermöglichte, eine moralische Schuld.“ Die Tech-Elite habe eine „Verpflichtung zur Verteidigung der Nation.“ Nationaler Dienst solle eine „universelle Pflicht“ sein.

Man muss nicht lange suchen, um die Grammatik zu erkennen. Es ist die Grammatik der Kontrolle. Die Vorstellung, dass Sicherheit durch Überwachung, Bewaffnung und Pflicht entsteht – nicht durch Vertrauen, Gestaltungsmacht und Möglichkeit. Palantir denkt Zukunft als Festung. Ich denke Zukunft als Fenster.

Was mich dabei wirklich beschäftigt, ist nicht die Dreistigkeit des Manifests. Es ist seine Erschöpfung. Die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts haben bereits vorgeführt, wohin dieser Gedanke führt, wenn er konsequent zu Ende gedacht wird. Kontrolle als Antwort auf Komplexität. Stärke als Antwort auf Unsicherheit. Das ist kein neuer Geist. Das ist ein sehr alter, sehr müder Reflex.

Die Produktivitätsfalle

Die deutsche Meldung klingt anders. Erfreulicher, fast. 65 Prozent der deutschen Industrieunternehmen setzen KI ein. Cisco-Manager Korff sagt: „KI ist angekommen, wird genutzt, hat einen betriebswirtschaftlichen Nutzen.“ Investitionen zahlen sich innerhalb von zwei Jahren aus. Produktivität steigt. Kosten sinken.

Alles richtig. Alles gut. Und trotzdem fehlt mir etwas an dieser Nachricht.

Wenn man die Produktivität erhöht und die Flaschenhälse bleiben, ändert sich der Effekt nicht – nur die Größe der Zwischenlager. Mehr Output durch dieselben Strukturen bedeutet: mehr Ergebnisse derselben Art. Und schnellere Strukturen sind nicht notwendigerweise bessere.

KI als Effizienzwerkzeug in alten Systemen ist wie ein neuer Motor in einem Auto, das in die falsche Richtung fährt. Man kommt schneller ans falsche Ziel.

Die eigentliche Frage lautet nicht: Wie nutzen wir KI, um das Bestehende zu verbessern? Die eigentliche Frage lautet: Wie bauen wir das Bestehende um, damit es uns weniger bremst? Was genau am Bestehenden bremst uns – und was wird möglich, wenn wir es loslassen?

Von smart zu Smarties

Wir reden viel davon, dass Städte smart werden müssen. Dass Infrastruktur smart wird. Dass Produktion smart wird. Was wir dabei gerne vergessen: Alle Technologie ist nur so klug wie die Menschen, die sie nutzen. Nicht die Maschinen müssen Smarties werden. Wir müssen es werden.

Das ist keine Kapitalismuskritik. Das ist eine Einladung.

Was wäre, wenn wir KI nicht primär als Produktivitätshebel verstehen, sondern als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten? Nicht: Wie erledigen wir das Gleiche schneller? Sondern: Was können wir jetzt tun, das wir vorher nicht konnten? Welche Probleme werden lösbar, die wir bisher als strukturell unlösbar akzeptiert haben?

Kleine Kommunen könnten endlich die Infrastruktur haben, die bisher nur Großstädten vorbehalten war. Pflegekräfte könnten von administrativem Ballast befreit werden – und Zeit für das bekommen, wofür sie eigentlich da sind: Menschen. Handwerker könnten ihre Expertise auf Märkte bringen, die ihnen bisher verschlossen waren.

„Zukunft ist der sicherste Ort der Welt – wenn wir mit Möglichkeiten gestalten.“

Was der Ozean schon weiß

Palantir hält eine Muschel ans Ohr und glaubt, einen neuen Ozean zu erschaffen. Aber der Ozean war schon da. Er war immer da.

Die Möglichkeiten, von denen ich spreche, existieren bereits. Sie liegen nicht in der Zukunft. Sie liegen in der Gegenwart, überdeckt von Narrativen, die uns sagen: Das geht nicht. Das war immer so. Das ist zu riskant. Wartet auf die Technologie. Wartet auf die Politik. Wartet.

Dabei verändert man die Zukunft – durch etwas Kleines, heute. Nicht durch große Systeme, die auf Erlaubnis warten. Durch Menschen, die anfangen.

Eratosthenes hat den Erdumfang 240 vor Christus berechnet. Ziemlich genau. Es hat trotzdem fast 2.000 Jahre gedauert, bis diese Erkenntnis im Alltag ankam. Wir haben heute ähnliche Abstände zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir leben. KI ist dabei weder Ursache noch Lösung. Sie ist ein Spiegel.

Was wir in diesen Spiegel projizieren – Kontrolle und Wehrpflicht, oder Möglichkeit und Gestaltung – das entscheiden wir. Noch.

Statt warten: entfalten

Menschen arbeiten am effizientesten zusammen, wenn sie sich vertrauen. Das funktioniert mit einer Handvoll Menschen ausgezeichnet, mit 15 gut, mit 50 passabel, mit 150 gerade noch – so lehrt es die Dunbar-Zahl. Kleine Gruppen, die unabhängig voneinander laufen und die Welt verbessern. Statt aufeinander zu warten.

Und wenn gerade keine andere Gruppe da ist, die man dringend bräuchte? Dann kann die KI einspringen. Sie macht Fehler – und übernimmt keine Verantwortung. Aber genau darin liegt eine unerwartete Möglichkeit: Im Umgang mit ihr üben wir, mit Unvollkommenheit und Fehler umzugehen. Das brauchen wir auch unter Menschen.

KI ist kein neuer Ozean. Sie ist eine Muschel. Wer ihr ans Ohr hält, hört etwas – aber was er hört, kommt aus sich selbst.

Ich halte weiter die Muschel hin. Man hört erstaunlich viel, wenn man zuhört.

Max Thinius ist Futurologe und Gründer des Possible.Institut für Zukunft & Möglichkeiten sowie der BetterLivingPeople gemeinsam mit Jürgen Hübsch. Er denkt Zukunft nicht als Wahrscheinlichkeit, sondern als Möglichkeit die man selbst gestalten kann.

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