In zwei Jahren braucht niemand mehr ChatGPT.
Warum wir die interessanteste Technologie seit der Elektrizität fast nur dafür verschwenden, das Alte ein bisschen schneller zu machen. Und warum das nicht so bleiben muss.
Von Max Thinius, Futurologe
Ich sitze in einem Café in Nürnberg, es ist kurz nach neun, und der Mann am Nebentisch diktiert seinem Telefon eine E-Mail. Offenbar nutzt er dafür ChatGPT. Er spricht, wartet, korrigiert, spricht nochmal. Die E-Mail dauert jetzt länger, als sie ohne KI gedauert hätte. Aber er hat das Gefühl, etwas sehr Modernes zu tun.
Am Tresen bestellt eine Frau ihren Kaffee. Sie kennt den Barista, er kennt sie. Kurzer Austausch über das Wetter, die Kinder, das Wochenende. Dreißig Sekunden, vielleicht vierzig. Danach wissen beide ein bisschen mehr übereinander und der Tag fühlt sich ein Grad wärmer an. Keine App war beteiligt.
Ich beobachte solche Szenen ständig, beruflich wie privat, und je länger ich das tue, desto klarer wird mir eine Sache, die mit E-Mails wenig zu tun hat, aber mit der Frage, wie wir eigentlich Technologie in Gesellschaft übersetzen. Beziehungsweise: wie wir in der Industrialisierung gelernt haben, Technologie zu nutzen – und warum das heute das heute anders geht und wir deshalb mit KI so oft vor die Wand laufen.
Das Kraftwerk ist nicht der Lichtschalter
Nehmen wir zum Vergleich die Elektrizität. Europa hat sie nicht erfunden. Aber Europa hat maßgeblich dafür gesorgt, dass sie bei den Menschen ankam – durch Transistoren, Lichtschalter, Sicherungen, Normen. Technologien also, die Elektrizität für jeden in genau der richtigen Dosis handhabbar machten. Niemand muss verstehen, wie ein Kraftwerk funktioniert, um abends das Licht anzumachen. Das war die eigentliche zivilisatorische Leistung. Nicht die Erzeugung der Energie, sondern ihre Verteilung und Anwendungsmöglichkeit für jeden in jeder Situation.
Genau da stehen wir heute mit künstlicher Intelligenz. Die großen Sprachmodelle – ChatGPT, Gemini, Claude – sind die Kraftwerke. Beeindruckend, teuer, komplex. Aber sie sind für die meisten Menschen so handhabbar wie ein Umspannwerk im Vorgarten. Was fehlt, sind die Lichtschalter: kleine, spezialisierte Modelle, die genau das können, was man braucht, und nichts, was man nicht braucht: Small Language Models (zB), die auf dem Smartphone laufen. Kuratierte Wissenssysteme, die verlässliche Antworten geben, weil sie nicht das gesamte Internet zusammenklauben, sondern geprüftes Fachwissen bereitstellen. Regionale Lösungen, die der Pflegekraft in Flensburg helfen, aber dem Hedgefonds in Manhattan herzlich egal sein können.
Und was ebenfalls fehlt: Regulierung, neue Infrastruktur, neue Verteilungsmechanismen und Verteilungssysteme. Also genau das, was aus Elektrizität Zivilisation gemacht hat. Kein Mensch würde einen Toaster direkt an ein Kraftwerk anschließen. Aber genau das tun wir gerade mit KI.
In zwei Jahren werden die meisten Menschen nicht mehr ChatGPT benutzen – nicht weil ChatGPT verschwindet, sondern weil sie etwas Besseres haben werden: Werkzeuge, die zu ihnen passen – bei denen sie in aller Regel nicht wahrnehmen, dass diese durch KI betrieben sind. Und ChatGPT wird ihnen so relevant vorkommen wie heute das Telefonbuch. Erinnern Sie sich an Telefonbücher? Eben.
Hundertfünfzig Jahre Anpassung legt man nicht in achtzehn Monaten ab
Um zu verstehen, warum wir trotzdem im Moment alle am Kraftwerk stehen, statt Lichtschalter zu bauen, muss man kurz zurückschauen. In der Industrialisierung gab die Maschine den Takt vor. Du hattest ein Auto, du konntest damit fahren – aber eben nur fahren. Henry Ford bot seine Autos in Schwarz an, nicht weil er keinen Geschmack hatte, sondern weil die Maschine es so wollte. Software, Institutionen, Prozesse: Alles hatte klare Grenzen, und der Mensch passte sich an. Hundertfünfzig Jahre lang haben wir gelernt, uns in die Logik von Systemen einzufügen. Das sitzt in unseren Arbeitsverträgen, unseren Lehrplänen, unserem Gesundheitssystem – das ist das System, wir bewegen uns in seinen Möglichkeiten.
Und jetzt kommt eine Technologie, die das umdreht. KI passt sich uns an. Wir müssen also nicht immer auf die Neuerungen gucken und schauen, was muss ich jetzt schon wieder in mein Leben integrieren, sondern wir als Menschen müssen wissen welche Werte wir haben und was wir wollen. Dann kann KI unsere Werte und Ideen verstärken. Sie fragt also nicht: „Was kann ich, Technologie?“ Sie fragt: „Was willst du, Mensch?“ Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit – wenn man von der kurzen Episode der Jäger und Sammler absieht, und die hatten bekanntlich andere Probleme – bestimmt nicht das Werkzeug, was möglich ist, sondern der Mensch. Wir nennen das in der Forschung den Übergang vom integrativen ins inklusive Zeitalter: von „ich passe mich an“ zu „ich gestalte“.
Und was tun wir mit dieser Freiheit? Wir setzen uns vor die KI und fragen: „Was will die KI von mir? Was muss ich jetzt tun?“ Das ist Legitim. Tausend Jahre Anpassung an externe Systeme, und die damit verbundenen Narrative, legt man nicht in achtzehn Monaten ab. Das Ergebnis ist überall sichtbar: Wir versuchen, mit einer radikal neuen Technologie das bestehende System zu reparieren, statt ein neues zu erdenken.
Mehr Geld für weniger Ergebnis – die teuerste Denkblockade der Geschichte
Statt also ein neues Gesundheitssystem zu denken, das mehr Leistung für weniger Geld bietet – was technologisch längst möglich wäre –, pumpen wir KI in die alte Struktur, optimieren mit viel Aufwand bestehende Logiken, automatisieren, entlassen und verkomplzieren und bekommen weniger Leistung für mehr Geld. Statt Bildung vom Menschen her zu denken und KI zu nutzen die individuellen Möglichkeiten jedes Einzelnen zu unterstützen, automatisieren wir die Lehrpläne von gestern. Statt Verwaltung neu zu organisieren, digitalisieren wir Formulare, die es gar nicht mehr bräuchte, weil KI das für uns im Hintergrund regeln könnte. Wir geben Milliarden aus, um schneller auf der Stelle zu treten. Dabei starren wir auf die Elektrizitätswerke wie die immer komplexer werden, statt uns mal damit zu beschäftigen wie ein Lichtschalter sich denn für einen Menschen im dritten Stock eines typischen Mietshauses anfühlen müsste.
Mit der neuen Technologie verschiebt sich noch etwas: Verantwortung. Mit einem Auto oder einer Software habe ich einen ganz bestimmten Rahmen, den ich nicht überschreiten kann. Mit KI als Technologie kann ich sowohl die Sustainable Development Goals vorantreiben als auch Fort Knox hacken. Die Verantwortung, die früher im technologischen Rahmen lag, liegt jetzt beim Menschen. Das macht vielen Angst. Verständlicherweise. Aber die Alternative – einfach so weitermachen wie bisher, nur mit KI-Turbo und fünfzig KI-Agenten – ist keine Alternative. Es ist die teuerste Denkblockade der Geschichte.
Jules Verne wollte zum Mond fliegen. Tolle Vision, aber keine Technologie dafür – die kam erst hundert Jahre später. Heute ist das anders: Wenn jemand eine Idee hat, gibt es im Schnitt bereits zwischen fünfundzwanzig- und vierundachtzigtausend technologische Möglichkeiten, dieser Idee sehr nahe zu kommen. Sofort. Nicht in hundert Jahren, nicht nach drei Legislaturperioden und sieben Förderanträgen. Jetzt. Das Problem ist nicht das Können. Das Problem ist das Sich-Trauen.
Der Dachdecker braucht kein Umspannwerk im Vorgarten
Ich erlebe das konkret bei Dachdeckern in Luxemburg. Die arbeiten in drei Ländern, müssen Bauvorschriften und Formulare in verschiedenen Rechtssystemen kennen. Eigentlich unmöglich für einen Dreimannbetrieb – es sei denn, einer der drei macht nichts anderes als Papierkram, und dafür wird man nicht Dachdecker. Aber ein passgenaues KI-System – kein ChatGPT, sondern ein spezialisiertes Tool – kann die Formulare erkennen, vorbereiten, einreichen und die Materialien länderspezifisch bestellen. Der Handwerker braucht keine vierte Person für die Bürokratie. Er kann das tun, wofür er morgens aufsteht.
Wenn ich ein Krankenhaus betreibe, will ich keine KI, die ihre Informationen aus dem gesamten Internet zusammenklaubt – inklusive der Meinung von jemandem, der um drei Uhr morgens seine Symptome gegoogelt hat. Ich will ein System, das medizinisch geprüfte Daten hat. Nicht das Kraftwerk. Den Lichtschalter.
Es gibt drei Ebenen von Technologie: General Purpose Technologies – auch GPT genannt, ChatGPT hat sich das Akronym mit einer Chuzpe angeeignet, die man fast bewundern muss –, dann Community Purpose Technologies und Individual Purpose Technologies. General Purpose Technologies bringen sieben bis vierzehn Jahre hohe Rendite. Community und Individual Purpose Technologies bringen fünfzig bis hundertfünfzig Jahre Wertschöpfung. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen.
Die Amerikaner haben das Auto cool gemacht. Wir haben es nützlich gemacht.
Deutschland hat weder die Elektrizität erfunden noch das Automobil als Massenprodukt auf den Markt gebracht. Aber die TÜV-Prüfung, die Straßenverkehrsordnung, die Versicherungspflicht, die duale Ausbildung des Kfz-Mechanikers – das alles hat dafür gesorgt, dass das Auto nicht ein Spielzeug für Reiche blieb, sondern ein Alltagswerkzeug für Millionen im privaten wie beruflichen Bereich. Nützlich hält länger als cool.
Europa hat Sozialsysteme, Handwerkskammern, kommunale Daseinsvorsorge, genossenschaftliche Banken, ein Gesundheitssystem mit Universalzugang. Das klingt nach verstaubter Broschüre, ist aber in Wahrheit das Betriebssystem für die zweite Phase jeder technologischen Revolution: die Phase, in der Technologie nicht mehr den Reichen gehört, sondern in der Fläche wirkt.
Und dann die Datenfrage. Wenn Tech-Giganten mit europäischen Nutzerdaten Milliarden umsetzen – Alphabet allein machte 2024 rund hundert Milliarden Dollar Umsatz in der EMEA-Region, ein erheblicher Teil davon mit unseren Daten –, muss man fragen: Was würde passieren, wenn diese Wertschöpfung hierbliebe? Daten sind längst eine Währung – nur behandeln wir sie wie altes Zeitungspapier. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Ihren eigenen digitalen Zwilling, der für Sie navigiert. Kein Social Media, kein Meta, kein Google. Einfach Peer-to-Peer die richtigen Informationen. Eine vierköpfige Familie könnte zwischen zweihundert und vierhundert Euro monatlich an Datenrendite erzielen. Technologisch heute möglich. Was fehlt, sind die Narrative – und die Lichtschalter. Wir glauben im Moment, dass wir das nicht selber können, sondern nur eine große KI vone inem gorßen Unternehmen das für uns kann. Nein, solche Möglichkeiten können sehr wohl aus kleineren Einheiten heraus wachsen. Denn, auch das ist KI typisch, die können jetzt miteinander reden.
OpenAI hat 2025 Infrastrukturverträge im Wert von rund einer Billion Dollar abgeschlossen. AMD-Aktien steigen, wenn man Rechenkraft gegen Unternehmensanteile tauscht. Fast achtzig Prozent aller Transaktionen im Silicon Valley werden mittlerweile über Daten bezahlt. Beeindruckend. Aber es ist das Geschäft mit dem Kraftwerk. Und wir wissen auch Donald Trump braucht diese Geschichte, denn das amerikanische Wirtschaftssystem ist ohne diese KI-Story nicht viel wert. Denn, das erkennt man schnell: die Lichtschalter würden eher aus Europa kommen. Das große Geld liegt nicht im Kraftwerk, sondern im Lichtschalter. Nur braucht es dafür andere Narrative als die, die uns das Silicon Valley erzählt. Die erzählt uns niemand. Die dürfen und müssen wir selbst erfinden.