Wie KI Arbeit, Leben und Sinn wieder verbinden kann
Wir reden über KI, als wäre sie nur ein Werkzeug. Eines, das Prozesse beschleunigt, Kosten senkt, Arbeitskräfte ersetzt – vor allem „ersetzt“, also automatisiert und uns damit „unabhängiger“ von Menschen macht. Doch das ist die alte Logik einer Welt, in der Effizienz das Maß aller Dinge war und Technologie einen Rahmen vorgibt und wir versuchen herauszufinden was diese neue Technologie kann.
Aber vielleicht geht es gar nicht darum, was KI kann, sondern was wir mit ihr anfangen.
Denn KI kann mehr als Effizienz und Automation. Sie kann uns helfen, das zu verbinden, was wir über Jahrzehnte in unserer Kultur getrennt haben: Leben, Arbeit und Sinn. Wir können das messen: 1978 haben wir als Angestellte in Deutschland rund 60-70% unserer Fähigkeiten in den Job eingebracht. Wir haben Produkte entwickelt auf die wir stolz waren: „Das haben wir gemacht!“, fasst ein Ingenieur eines großen Deutschen Konzerns es mit Rückblick auf „damals“ zusammen. Heute würde er sagen: „Das mussten wir so machen – aus Kostengründen oder Sharholder-Value-Irgendwas.“
Wir sind nicht mehr stolz, wir setzen auch nur noch rund 30-40% unserer Fähigkeiten in unserem Beruf ein – es sei denn unsere Kernkompetenz ist Exel. Dann kommen wir nach Hause, in Wohnstraßen auf denen 1978 auf 500 Metern den ganzen Tag über rund 25 Menschen kontinuierlich anwesend waren, heute noch 2-3. Der gesamte halböffentliche Bereich durch Vorgärten, den Raum vor Geschäften, Kiosken, Parkbänke, wurde abgeschafft. Was machen solche Erfahrungen mit Menschen? Sagen wir besser: mit einer ganzen Gesellschaft, denn es betrifft uns alle, okay 82% (Stadt wie Land) ganz direkt.
Seit der Industrialisierung haben wir Arbeit zur Funktion erklärt. Leben war das, was danach kam. Wir vergessen Nachbarschaften. Wer kennt nicht noch den Satz: „Kannst Du mal bei Oma Hilde aus der 37 vorbei gehen nach der Schule und fragen ob sie noch was vom Kaufladen braucht?“ Ein Miteinander ist heute kaum mehr vorhanden. Im Bereich der Arbeit gleich gar nicht. Nahezu drei Viertel aller Menschen in Arbeit arbeiten zuerst für sich; ein Hoch auf die Zielvereinbarungen.
Doch Menschen brauchen Resonanz, nicht nur Ergebnisse. KI könnte uns helfen solche Resonanz wieder herzustellen: Nachbarschaften zu gestalten, Menschen die notwendigen Güter zur Verfügung stellen, erkennen wer alleine ist. Das haben übrigens bis in die 1960er Jahre durchaus Briefträger:innen gemacht: sich gekümmert um die Menschen in ihrem Zustellbezirk, und den Bezirk gleich mit.
Hierzulande ist das Leben und die Arbeit oft still geworden. Präzise, korrekt, diszipliniert – aber auch einsam. Wir haben Effizienz über Beziehung gestellt. In einem solchen Umfeld entsteht keine Innovation. Menschen glauben nicht mehr an sich und ihr Umfeld. Sie verlieren sich.
Dabei wäre gerade jetzt die Zeit, das zu ändern. KI gibt uns die Möglichkeit dazu. Wenn wir sie nutzen, um Verbindungen zu schaffen statt Abläufe zu automatisieren, entsteht eine neue Logik: Eine lebendige Intelligenz, die Menschen zusammenführt, Nachbarschaften stärkt, Organisationen menschlicher macht und Wirtschaft wieder als Teil des Lebens begreift. Dann entsteht eine Kultur die sich nach Außen trägt. Über gemeinsame Werte, gemeinsame Produkte, gemeinsame Ideen. Dann wird Arbeit wieder sinnstiftend,
weil sie in Resonanz mit anderen steht. Dann wird Leben erfüllender, weil es Teil eines größeren Ganzen ist. Und dann wird Fortschritt menschlich – weil er sich nicht mehr gegen das Leben richtet, sondern für es.
Künstliche Intelligenz zwingt uns nicht, effizienter zu werden, das ist nur das was wir und viele Beratungen daraus machen. In Wirklichkeit lädt uns ein, lebendiger zu werden. Natürlich nur, wenn wir das so sehen. Ich würde sogar sagen: Das ist vielleicht ihre größte Fähigkeit. Und unsere größte Chance.
#LivingIntelligence #ZukunftGestalten #futurologe #KI #Wirtschaft #gesellschaft #Demokratie